Hallo mein kleiner, großer Schatz.
Ich möchte dir heute mit diesem Brief nochmal etwas sagen, dass ich dir jeden Abend sage.
Ich liebe Dich.

 

Gerade in der Zeit vor Weihnachten oder um deinen Geburtstag, werde ich ein Stück weit melancholisch. Manchmal stelle ich mir in dieser Zeit auch viele Fragen.Fragen die zu Zweifeln werden.

Ich liebe Dich.

Das steht außer Frage. Jeden Tag noch mehr.  Es sind eher Fragen darum, wie du mit mir als behinderte Mama umgehst. Was bürde ich dir auf? Momentan gehst du ganz unbefangen mit mir, dem Rollstuhl und auch mit meinen Schmerzen um. Für dich ist es normal, eine Mama zu haben, die im Rollstuhl sitzt oder in der Wohnung manchmal Krücken benutzen kann. Mein Rollstuhl ist für die Fortbewegungsmittel, Spielzeug und Kletterturm. Für mich ist das in Ordnung. Der Rollstuhl ist nun mal ein Teil unseres Familienlebens. Er gehört zu uns. Du hast einen offenen und unvermittelten Umgang mit Behinderungen. Mit Rollstühlen und Gehstützen. Sie gehören für dich zu einem normalen Leben dazu. Trotzdem weißt du schon genau, dass in unserer Familie nur ich, diese Dinge brauche. Du hast erkannt wie angewiesen ich auf diese Hilfen bin und du wirst wütend, wenn jemand anders diese benutzt. Voller Stolz schiebst du momentan den Rollstuhl – mit mir darin durch die Gegend. Wann wird der Tag kommen, an dem dir das peinlich ist oder du dich dafür schämst? Ich kann natürlich auch alleine mit dem Rollstuhl fahren. Aber es macht dir Spass. Warum sollte ich dir das verbieten? Ich genieße die Zeit, die wir haben.
Ich liebe Dich.

Gleichzeitig denke ich:  „Was tue ich dir an?“ Du erlebst viele Dinge, die du in deinem Alter noch nicht erleben solltest. Wie ich mich vor Schmerzen krümme. Wie ich tagelang nicht aus dem Bett aufstehen kann, das die Schmerzen einfach zu stark sind. Wie ich mich vor Schmerzen übergeben muss. Erlebnisse vor denen ich dich dich so gerne schützen würde. Leider geht das nicht immer. Dafür hasse ich mich teilweise. Ich hasse mich und die Krankheit. Aber es bringt nichts. Es ändert nichts. Alles hadern führt nirgendwo hin. Lediglich in die Verbitterung. Damit helfe ich uns allen nicht. Wenn du mit einem Buch zu mir ins Bett kommst, damit wir die zusammen anschauen können, wenn du dich zu mir kuschelst und mich vorsichtig streichelst und fragst: „Mama, is alles dud?“ dann schlagen in mir 2 Herzen. Das eine weint, weil du mit zwei Jahren, solche Dinge erleben musst und du schon so selbständig damit umgehst, die Situationen genau abschätzen kannst. Und das andere Herz ist unheimlich stolz auf Dich. Auf deine Fürsorge, deine Empathie, deine Ungezwungenheit, deine Liebe.
Ich liebe Dich.
Schon als du in meinem Bauch herangewachsen bist und danach in der Zeit als Baby sind wir auf etliche Widerstände gestoßen. Wir sind nicht alleine. Aber wir haben uns. Und deswegen haben wir schon viel geschafft. Ich konnte mit dir weder ins Babyschwimmen, noch kann ich momentan mit der ins Eltern – Kind – Turnen. Ein Teil der Aktivitäten übernimmt dein Papa, ohne den wir einfach nicht vollständig wären. Ob es dir fehlt, diese Aktivitäten? Meine ehrliche Antwort an Dich: Ich weiß es nicht!? Manchmal denke ich, das macht nichts. An anderen Tagen, denke ich, wäre diese Krankheit nicht, dann könnte ich so viel mehr mit dir unternehmen. Auch mal alleine einen Ausflug machen. Diese Hirngespinste helfen uns aber nicht. Denn diese Krankheit ist da. Und wir können es nicht ändern. Eine Heilung ist nicht in Sicht. Eher verschlechtert sie sich. Aus diesen Gründen, genieße ich die Zeit mit dir umso mehr. Es schmerzt, wenn ich liegen bleibe und du mit Papa alleine, tolle Sachen unternimmst. Aber diese Zeit tut euch beiden gut. Und mir tut sie Zeit zu Hause gut. Wir müssen das Beste daraus machen. Wenn ihr wieder zurück seid, dann kannst du mir davon erzählen und deine Erlebnisse teilen. Und ich habe dann auch die Kraft, die aufmerksam zuzuhören, mit dir zu spielen, zu lachen und zu kuscheln.
Ich liebe Dich.

Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass du eine schöne und glückliche Kindheit hast. Sie wird anders sein, als die von anderen Kindern. Es werden viele Fragen auf uns zukommen, ich hoffe aber auch, dass wir gemeinsam die Antworten finden können.

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Zusammen können wir es schaffen.

Denn du kannst dir sicher sein:
Ich liebe Dich.
Für immer, immer und ewig

Frohe Weihnachten mein Schatz
Deine Mama

 

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Ein Gedanke zu “Brief an meinen Sohn

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