Vertrauen ist gut – Sicherheit ist besser?! Ich spreche hier nicht von Sicherheit im Sinne von – gebe deinem Kind Sicherheit und es wird sich in seinem Tempo entwickeln, sondern von Sicherheit im Sinne von gefahrenfrei. Kann ich alle Gefahren von  meinem Kind fernhalten? Wie kann ich meinem Kind Sicherheit vermitteln und diese auch gewährleisten? Wie lässt sich das mit einer Körperbehinderung vereinbaren?


Vor der Geburt von Junior habe ich mir – wir uns – sehr, viele Gedanken gemacht. Wie kann ich die Sicherheit für unseren Sohn gewährleisten? Die Werbung signalisiert jungen Eltern, was Sie alles benötigen, damit ihr Kind „sicher“ groß wird: Vom Babyphon mit Kamera und Pulsüberwachung bis hin zur Angelcare Matratze mit Atemüberwachung. Aber kann man Sicherheit versprechen?
Alle Eltern müssen hier für sich den richtigen Weg finden. Mir  widerstreben zu viele Sicherheitsvorkehrungen. Unsere Welt ist nicht gefahrenfrei und dies wird sie auch nie sein. Meinem Naturell entspricht es eher, auf Gefahren aufmerksam zu machen und dann einen Umgang damit zu finden.

Natürlich gibt es hier Grenzen und ich musste einige recht früh erkennen. So hätte ich  z.B. auf einen Laufstall nicht verzichten können und später auch nicht mehr wollen. Dabei war ich mir so sicher – DAS brauchen wir nicht. Aber es ging nicht anders und er stellte eine enorme Erleichterung im Alltag dar. Wir haben einen Laufstall umbauen lassen, sodass er eine Tür hatte und ich diesen öffnen konnte. So war er befahrbar und ich konnte auf diesem Weg , Junior ablegen und ihn danach sicher wieder herausholen. Denn auf den Boden – auf die Krabbeldecke ablegen – DAS war einfach nicht möglich. Das Tragetuch war in den ersten Monaten unser ständiger Begleiter. Irgendwann wurde Junior für mich zum Tragen im Tuch aber einfach zu schwer.

Doch der Bewegungsdrang eines Babys nimmt immer weiter zu. Irgendwann war der Laufstall für die Bedürfnisse von Junior nicht mehr ausreichend und wir mussten uns neue Lösungen überlegen.  Darf mein Kind auf dem Boden krabbeln, wenn ich nicht sicher sein kann, dass ich ihn sofort wieder hochheben kann? Unsere Entscheidung war: Ja! Dazu haben wir uns ein Hilfsmittel gebastelt – in Form eines Gurtes, an dem ich Junior, vom Rollstuhl aus sicher hochheben konnte.  Diesen Schritt gingen wir zu einem  Zeitpunkt indem er selbst schon etwas mitarbeiten konnte. Zudem entwickelten wir eine, sehr kraftraubende Methode, wie ich zu ihm auf den Boden kommen kann. Auch, wenn wir nicht unmittelbar zusammen aufstehen konnten. Ich war da für ihn. Und das war das wichtigste für uns.

 

Sicherheit? Wie kann ich mein Kind vor Gefahren schützen? Ich weiß es nicht. Aber ich kenne meine Grenzen. Häufig sind diese früher und schneller erreicht, als bei anderen Eltern.
Aber ich habe auch Vertrauen. Vertrauen in mich. Und vor allen Dingen Vertrauen in meinem Sohn. Er ist ein vollwertiger kleiner Mensch. Und das war er vom ersten Tag seiner Geburt. Bereits auf der Intensivstation hat er sich regelmäßig die Magensonde gezogen, bis wir die Ärzte davon überzeugen konnten, dass er sich auch ohne Sonde erholen wird. Und genauso war es.

Ich habe ihm vertraut, dass er mir zeigt, wenn er Hunger hat und gestillt werden möchte. Und genau so war es.
Ich habe ihm vertraut, dass er irgendwann von sich aus beginnt zu krabbeln. Und genauso war es.
Ich habe im vertraut, dass er irgendwann seine ersten Schritte macht. Und genau so war es.
Ich verlasse mich auf Junior und er verlässt sich auf mich. Wir sind ein Team.Die meisten Unfälle im Kleinkindalter passieren im Haushalt. Dieses Wissen war für uns von besonderer Bedeutung. Denn im Haushalt, kann ich selbst viele Dinge beeinflussen. Ich kann die Wohnung Kindersicher machen. Doch auch dieser Begriff, verursacht in mir mehr Fragen als Antworten. Da ich auch in der Wohnung, einen Rollstuhl habe, stehen bei uns wenige Dinge herum. Ich brauche einfach Platz. Das entspricht meistens auch den Bedürfnissen der Kinder. So hatten wir hier wieder einen gemeinsamen Weg. Und das man Kleinkinder nicht unbeaufsichtigt lassen soll, oder sie nicht auf Möbel klettern sollten, diese Dinge verstehen sich für uns, von selbst.

Es hat sich ein 3 Punkte – Ablauf bei uns eingespielt: Interesse – üben im geschützten Rahmen und dadurch Sicherheit erfahren – selbständig tun.

Unsere Treppe war nie abgesperrt. Unser Herd ebenso wenig. Wir haben immer versucht unseren Sohn zu unterstützen. Ihn nicht mit: „Halt das ist gefährlich zu stoppen.“ Mit 10 Monaten erklimmte er die ersten Stufen bei uns zu Hause. Mein Mann stand hinter ihm. Ich saß stolz davor und beobachtete ihn. Eltern die uns besuchten, hielten die Luft an. Was macht er denn da? Ich meinte gelassen: Er probiert. Damit möchte ich nicht sagen, dass Junior mehr kann, als andere – nein! Ganz und gar nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass er weiß was gut für ihn ist und wie weit er gehen kann. Er darf und soll sich in einem geschützten Rahmen ausprobieren. So kann er selbständig werden und seine Grenzen erfahren. Gerade das Thema mit den Treppenstufen war für uns extrem wichtig, denn wir müssen nicht nur in unserem zu Hause miteinander zurecht kommen, sondern auch in der Welt. Und alles, was er zu Hause in Ruhe und Sicherheit gelernt hat, kann er in anderen Bereichen selbstbewusst, sicher und ohne Angst anwenden. Er sollte Treppen nicht als etwas verbotenes oder gefährliches kennenlernen. Sondern als das was sie sind. Ein Teil unseres Alltags.

Treppe
Selbstverständlich ist dies immer nur in einem gesicherten Rahmen möglich. Es geht mir auch nicht um grundsätzlich Dinge, wie das Spielen mit Steckdosen, über die Straße laufen usw. Die Straße und das Spazierengehen bilden bei uns eine Außnahme in Sachen Vertrauen. Nicht nur weil es grundsätzlich gefärlich ist, sondern weil ich spüre, dass ihn das Thema nicht ineressiert. Er kann die Gefahr nicht erkennen, da er keine körpelichen Grenzen spürt. Hier kommt eben das Problem dazu, dass ich ihm nicht hinterherrennen kann, wenn er davonrennt.
Wir mussten suchen, ausprobieren, unsere eigenen Wege finden.Wieder startete der 3 Punkte Ablauf.

Interesse – er wollte alleine neben mir herlaufen, wenn wir weggehen.

Üben in einem geschützen Rahmen:  Wir fahren mit dem Kinderwagen aufs Feld. Dort kann er aussteigen Laufen, rennen und gehen üben. Wir übten miteinander: Stopp sagen und anhalten, auf Geräusche achten, miteinander zu laufen.

Sicherheit erlangen: Danach war der nächste Schritt, eine kurze Strecke zu den Nachbarn gemeinsam zu gehen. Auch über die Straße. Hier habe ich durch Beobachtung festgestellt, es einfacher für ihn ist, wenn er etwas in den Händen hält.  So kann er zum Beispiel mit seinem Puppenwagen mitlaufen und ich fahre neben ihm her. Ich möchte nicht sagen, dass diese Lösung für alle Kinder einen Weg darstellt. Für uns war es eine Lösung, damit ich nicht andauernd Angst hatte, er läuft auf die Straße.
Mein Sohn ist sehr selbständig. Das freut mich und macht mich stolz. Aber nicht nur mich – nein vor allen Dingen auch ihn. Er freut sich, wenn er selbst etwas schafft. Ich schenke ihm das Vertrauen. Das Vertrauen in sich und in seine Fähigkeiten. Ich bin von Natur aus nicht sehr ängstlich und ich habe auch meinen Kindern im Kindergarten schon immer viel vertrauen entgegengebracht und sie dadurch gestärkt. Das hilft mit Sicherheit. Gute Nerven sind dafür unsere Voraussetzung.
Ich werde nie vergessen, wie Junior im Gebüsch einen Käfer beobachtete. Er war mitten drin. Ich habe ihn beim beobachten beobachtet und war so stolz. Von der anderen Seite, schlug sich eine Frau zu ihm durch, nahm ihn auf den Arm und brachte ihn mir. Das ging so schnell, ich konnte überhaupt nichts sagen oder einschreiten. Sie gab ihn mir mit den Worten: „Beim nächsten Mama bleibst du aber bei deiner Mama! Und sie sollten sich vielleicht einen Platz suchen, indem sie ihrem Sohn auch helfen können, wenn er feststeckt oder das gar nicht erst zulassen.“ Ich saß da – mit offenem Mund und perplex. Meine Antwort war dann: „Danke, aber wir kommen klar. Vielleicht sollten sie ihrem Kind etwas mehr vertrauen.“
Solche Bevormundungen machen mich aggressiv. Ok – sie hat die Situation falsch eingeschätzt und von der Seite aus, in der Sie die Situation gesehen hat, wäre Junior vielleicht wirklich nicht mehr alleine herausgekommen. Aber eben von unserer Seite und Sicht aus. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, er befindet sich gerade in Gefahr. Das Eingreifen der fremden Frau, hat vielmehr  dazu geführt, dass ich nun ein weinendes Kind, bei mir hatte.
Deshalb meine Bitte: Wenn Ihr behinderten – eingeschränkten Menschen helfen wollt, fragt sie, ob sie Hilfe brauchen, oder signalisiert Ihnen mit Mimik und Gestik, dass sie euch, bei Problemen um Hilfe bitten können. Aber greift nicht einfach ein – wenn keine akute Gefahr besteht.
Vielleicht habe ich manchmal auch eine andere Wahrnehmung als andere Eltern. Ich versuche mich – alleine –  nur in Situationen zu begeben, in denen ich die Gefahren für uns ein – und abschätzen kann, um dann eine geeignete Lösung für uns zu finden. Hier vertraue ich auf mich und auf meine Erfahrungen. Damit kann ich ich dann in Ruhe auf Junior vertrauen, dass er sein eigenen Erfahrungen machen kann. Das er sie in seinem Tempo entdecken und begreifen kann. 
Sollte dennoch etwas schief gehen, kann er auch daran wachsen. Auch wenn ich sehr eingeschränkt bin, ich kann meinen Sohn trösten. Immer. Und dann nehme ich ihn den Arm. In diesem Moment gebe ich ihm die Sicherheit, die er braucht und sage nicht: „Siehste, ich hab es dir doch gesagt“.
Und ich glaube an diesem Punkt  sind wie alle wieder in einem Boot. Wir alle lieben unsere Kinder und wollen Sie beschützen. Vor den Gefahren. Wenn wir unseren Kindern Vertrauen in sich selbst schenken, dann können sie die Welt mit ihren Gefahren entdecken und die Welt genießen – ohne eine Übergroße Angst vor den Gefahren zu haben.
Mit Sicherheit!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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