Heute ist Katarina zu Gast bei mir. Vielleicht kennt ihr sie schon, auch von ihrer tollen Blogparade. Ich bin nicht du. Katarina lebt in der Schweiz, ist Mama zweier Söhne, hat MS und ADHS und einfach eine unheimlich beindruckende und fröhliche Frau. Über ihr Leben schreibt sie auf ihrem Blog Staublos. 

Ich habe sie gefragt, ob sie Lust hätte an der Blogreihe Eltern mit Behinderungen teilzunehmen und sie sagte mir gleich zu. Hier kommt nun ihr Beitrag über ihre Leben als Mama mit ADHS und einem Sohn der ADS hat.

ADHS Kind: Wie ist der Alltag mit ihnen?

Ju  vom Blog Wheelymum hat gefragt, wie der Alltag so ist mit einem ADHS Kind.

Zuerst dachte ich, ej, das ist ja ein total einfaches Thema. Da erzähl ich doch gerne darüber. Schliesslich hat nicht nur mein Sohn ADS (ohne Hyperaktivität) und ich selber ADHS. Ich fing an zu schreiben und merkte, wie schwierig es ist, in einem einzigen Blopost all die verschiedenen Facetten zu zeigen.

AD(h)S AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsStörung bekannt auch als POS, ADHD, Zappelphilipp und gilt seit letzten Jahren als die neue Modekrankheit überhaupt.

Ich habe ADHS und mein Sohn hat ADS

Meine Diagnose wurde bei mir erst mit 36 Jahren gestellt (HIER habe ich darüber berichtet). Eigentlich auch mehr zufällig, weil mein Neurologe nicht sicher war, ob die Symptome zu meiner Erkrankung (Multiple Sklerose) gehören oder nicht bzw. ob es ein neuer Schub ist. Nach den psychologischen Tests, hatte ich die Diagnose ADHS. Wie sich als Erwachsener mit ADHS Lebt, habe ich bei EDITION_F erzählt.

Das war keine Überraschung für mich, denn, wenn ich meinen Sohn sehe, erkenne ich mich in seinem Verhalten.

  • Tagträumen, sprunghaft sein, alles sehen, alles hören, alles riechen
  • in der Schule nur das lernen, was man interessant findet
  • vergesslich sein
  • impulsiv sein
  • viel erzählen
  • unglaubliche Phantasie
  • usw.

Nein, ADHS wächst sich nicht aus und es verschwindet auch nicht einfach so. Meistens lernen ADHSler mit dieser ‚Störung‘ umzugehen und fallen nicht mehr so auf wie in der Schule. Man entwickelt Strategien, wie man was machen muss, um gut durch das Leben zu kommen. Ich werde zum Teil extrem pingelig. Wenn ich nicht organisiert bin, dann versandet alles und löst sich in Luft auf. Ein riesiges Chaos entsteht. Heute ist es noch immer so. Ich mag z.B. nicht, wenn zu Hause zu viele Gegenstände herum liegen, dann verursacht das alles Chaos in meinem Kopf. Meine Augen sehen alles, meine Ohren hören alles, meine Nase riecht alles…

Mein Sohn mit AD(h)S

Vorneweg: Ja, ADHS ist anstrengend! Oh ja, und wie anstrengend das Leben mit ADHS Kindern ist! Hier gibt es für mich keine Verharmlosung oder irgendwelche beschwichtigenden Worte. Es ist eine Herausforderung! Aber ist das Leben mit Kindern nicht sowieso immer eine Herausforderung, ADHS hin oder her? Nun, wir sind Eltern von zwei Kindern und ich kann aus Erfahrung sagen, ja, es gibt auch in diesen Herausforderungen sehr grosse Unterschiede. Ein ADHS Kind fordert mehr, braucht mehr Aufmerksamkeit, viel Führung und straffe Struktur. Ich muss bei meinem Kind immer einen Schritt voraus sein. Es kommen ständig neue Hürden, die man wieder in Angriff nehmen muss. Sei es eine Entwicklungsphase, irgend ein Problem in der Schule usw.

Ich schreibe bewusst, ADHS ist anstrengend und nicht das Kind als Person.

Was ist ADHS? (Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom)

Profis bezeichnen ADHS als häufigste psychiatrische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: psychiatrische Erkrankung! Ich beschliesse für mich, nein, weder mein Kind noch ich sind psychisch krank! Eine neurobiologische Besonderheit, trifft meiner Meinung nach, eher zu. Und nein, ADHS wächst sich nicht aus! Es ist nur so, ADHSler lernen mit ihren Besonderheiten umzugehen und entwickeln Strategien um im Leben klar zu kommen. Nach der Schulzeit fallen sie nicht mehr so oft auf. Jedenfalls werden sie nach der Schulzeit eher in Ruhe gelassen und werden nicht mehr in irgendwelche Schubladen gesteckt.

ADHS ist keine Strafe für schlechtes Karma, kein absichtlich schlechtes Verhalten der Kinder, wir sind keine schlechten Eltern… und ganz wichtig, sie machen es nicht extra. In der Natur des Kindes ist es so, das es seinem Umfeld gefallen will. Es möchte mit dem Strom schwimmen und nicht dagegen.

Meiner Meinung nach ist ADHS auch keine Modekrankheit, die Kinder werden nur schneller abgeklärt weil sie in die Schubladen der Schulen nicht hineinpassen. Wenn wir an unsere Schulzeit zurück denken, dann können wir uns doch immer an so ein Kind erinnern.

Alltag mit einem ADHS Kind ist kompliziert

Mein Sohn ist unser erstes Kind. Für ihn und uns war alles neu und wir wussten nicht, was die ‚übliche Norm‘ ist. Also habe ich versucht, mein Kind zu verstehen. Warum reagiert es so wie es eben reagiert. Ich werde die Antwort nie vergessen, die mir die Stillberaterin auf meine Frage: „wie weiss ich, ob er genug gestillt hat?“ gab. Sie sagte: „keine Angst, das ist Mutterinstinkt.“ Ich hatte noch nie im Leben solch grosse Lust, jemanden einfach eine zu scheuern, wie in diesem Moment! Das war 12 Tage nach der Geburt, ich, die am liebsten für alles eine Bedienungsanleitung hätte um im Chaos nicht unterzugehen. Ich soll auf meinen 12 Tage alten Mutterinstinkt hören! Jetzt, 9 Jahre später weiss ich, sie hatte Recht. Ich habe auf meinen Instinkt gehört, nur wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich das überhaupt kann.

Für mich war der Alltag mit unserem Kind voller Selbstzweifel. Was mache ich falsch, warum funktioniert es nicht, warum warum warum? Das Baby war dauernd überreizt und ich auch.

Im Kleinkindalter musste ich ihm immer einen Schritt voraus sein. Ich war ständig in diesem Jäger-Modus und bemüht, den Schaden, den er anrichten könnte klein zu halten. Ständig im Fluchtreflex zu sein, schüttet enorme Mengen an Cortisol aus, was sehr ungesund ist.

Sein Schulstart war nicht gerade einfach. Ständig hörte er, er sei zu langsam, zu verträumt, zu abgelenkt usw. In der zweiten Klassen liessen wir ihn auf ADHS abklären. Heraus kam, dass er eine hohe Intelligenz und ein grosses Konzentrationsproblem hat. Er hat die ADS Diagnose ohne Hyperaktivität bekommen. Im Unterricht stört er nie, ganz im Gegenteil, er ist so verträumt, dass sie ihn praktisch vergessen.

AD(H)S und Schule

ADS

Wir haben also von der 1.-3. Klasse ständig die gleichen Kommentare gehört. Seine Zeugnisnoten werden wegen 0,05 Punkten abgerundet. Immer wird nur auf dem herumgeritten, bei dem er schlecht ist. Wenn ich der Lehrperson sage, dass sie doch eigentlich wissen sollten, weshalb er langsam ist, bekomme ich die Antwort, dass sie halt keine Ahnung von ADHS hat. Das ist so ärgerlich und mühsam! An unserer Schule wird zwar gerne abgeklärt, was mit dem Kind ’nicht stimmt‘ aber danach interessiert sich praktisch niemand mehr dafür. Uns wurde klar gesagt, dass das die Verantwortung der Eltern ist. Ich als Mutter kann die Lehrerin nicht fragen, wie ich ihm bei Hausaufgaben helfen kann. Im Gegenteil, ich muss der Lehrperson Tipps geben, wie sie mit einem ADS Kind am besten lernen kann. Hier wird den Eltern eine grosse Last aufgebürdet. Denn, wenn ich meinem Kind nicht helfe und ihn unterstütze, wird er im Unterricht unter gehen. Er muss zuerst lernen, wie eben LERNEN geht! Es ist ein Teufelskreis aus Helfen und das Kind seinen Weg finden lassen. Wie viel Unterstützung ist nötig und was ist schon zu viel.

Wir haben einen Elternkurs für Eltern mit ADHS Kindern besucht. Das hat meinem Mann und mir sehr geholfen. Zu sehen, wie so ein Kind funktioniert und welche neurologischen Besonderheiten dahinter stecken. Ich kann allen betroffenen Eltern raten, sich so gut wie möglich zu informieren. Uns wurde in diesem Kurs geraten, Profis und Experten bzw. Vertreter für unsere Kinder zu werden. Diese Kinder werden so schnell in irgendwelche Schubladen gesteckt und wenn man das Pech hat, eine desinteressierte Lehrperson zu haben, dann wird es dem Kind nur noch schwieriger gemacht. Also habe ich mich mit ganz viel Literatur eingedeckt. Wie kann ich meinem Kind helfen? Eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrperson und evtl. Ergotherapie ist sehr, sehr wichtig. Bei uns fällt die Lehrperson leider weg, weil sie einfach keine Lust darauf hat und sie möchte sich auch nicht darüber informieren. Sowas ist für alle Beteiligten extrem schwierig.

Das ADHS Kind zu motivieren, eine, seiner Meinung nach, sinnlose Hausaufgabe zu erledigen, kann mir den Rest der Energie rauben. Hier kann ich mein Verständnis manchmal auch nicht aufbringen weil es mich einfach nur zermürbt. Als Eltern eines AD(H)S Kindes müssen wir ständig und immer aktiv sein. Das Kind braucht für die Hausaufgaben, für die 20min. vorgesehen sind, meistens die doppelte Zeit. Begleitet von: keine Lust / das kann ich schon / das ist total doof / wie ist das eigentlich mit dem All / warum soll ich diese Hausaufgaben machen / warum soll ich diesen einen Buchstaben schreiben, wenn ich das ja schon kann / warum muss ich diese doofe Geschichte lesen, wenn mein Buch viel lustiger ist…. Ganz ehrlich, wir Eltern sind keine Maschinen und auch wir sind irgendwann erschöpft und ausgelaugt! Hier ist es schwierig, all die gelesenen und tollten Tipps zu befolgen. Ich denke, das ist einfach nur Menschlich. Wir müssen uns unbedingt in Erinnerung rufen, dass wir deswegen keine schlechten Eltern sind. Ganz im Gegenteil, wir müssen sehr viel leisten und haben einen anstrengenden Job.

Vor einigen Tagen hat mir mein Sohn beim ins Bett gehen gesagt, dass es ihm in den Sinn gekommen ist, wie ich ihm immer alles bildlich erklärt habe. Wenn er das 1×1 nicht lernt, dann soll er sich das wie einen entgleisten Zugwaggon vorstellen. Das kann irgendwann, den ganzen Mathematik – Zug langsamer machen, bis es zum Entgleisen kommt. Mein Sohn sagte: „Mama, ich bin so froh, dass du mir das immer alles so erklärst. Ich konnte damals nicht verstehen, weshalb ich das lernen muss. Du hast mir das aber immer so erklärt, dass ich irgendwann einen Sinn dahinter sehen konnte.“ In solchen Momenten denke ich immer, hej, der Kampf und die Anstrengung der letzten Jahre, jetzt kommen langsam die Früchte.

Ein AD(H)S Kind leidet manchmal weil es halt so ist wie es ist. In der Schule wird ihm das Gefühl gegeben, dass es nicht gut ist, so wie es ist. Wir als Eltern müssen sie auffangen können.

Ich finde ADHSler toll

Klar, ich bin ja selber auch einer. Solche Kinder sind echt anstrengend. Aber sie sind so toll. Diese Phantasie, dieser unbändige Wille, diese Kreativität, diese Begeisterung…

Ganz ehrlich! Schaut euch mal in eurem Bekanntenkreis um! Die interessanten, lustigen, aufgeweckten, rastlosen, kreativen Menschen…fragt die mal, ob sie in der heutigen Zeit als ADHSler durchgehen würden!

ADHSler sind nicht dumm! Es ist nur schwerer für sie, ihre Stärken herauszufinden und umzusetzen. Hier kommen wir Eltern ins Spiel!

Stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes mit allen Mitteln, verhätschelt es aber nicht und fördert die Selbständigkeit. Es ist anstrengend, oh ja das ist es, aber es lohnt sich!

Routine und Pläne bei AD(h)S

Wir haben in unserem Alltag sehr viel Struktur. Für viele Abläufe haben wir einen Plan erstellt. Das ist sehr uncool, hilft aber tatsächlich weil man die gängigsten Abläufe, wie z.B. Zähneputzen, nicht ständig diskutieren muss. Für den grossen Sohn gibt es sogar ein Plan mit dem Morgen-Ablauf. Er braucht das und es gibt ihm Sicherheit mit dem Chaos im Kopf.

ADHS

Fazit:

Ein AD(H)S Kind ist anstrengend und kostet uns Eltern viele Nerven. Trotzdem sind diese Kinder toll. Wir müssen ihnen helfen, ihre Stärken zu sehen und hinter ihnen stehen. Sie möchten uns nicht absichtlich ärgern.

Ich als ADHS Mutter mit ADS Kind erkenne mich sehr gut in ihm und manchmal macht mich das total irre und dann frag ich mich, ob ich das auch so gemacht habe. Jupp…

Wenn man sich selber und die Welt nicht zu ernst nimmt, dann geht’s wieder.

Ich danke für das offene Ohr ❤

Liebe Grüsse, Katarina
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5 Gedanken zu “Eltern mit Behinderungen: Leben mit ADHS

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Danke dafür.
    Ich denke, dass es so eine „Modekrankheit“ ist, liegt auch daran, dass es oft einfach „falsch“ diagnostiziert wird. Nicht jedes wilde und lautere Kind hat automatisch ADHS.

    Meine Mama, inzwischen ist sie sogar Psychologin, hatte zum Beispiel schon immer die Vermutung, ich könnte auch ADHS haben. Als Kind ist mir das Lernen zu Hause immer sehr schwer gefallen. Ich hab Stunden gebraucht, bin dabei herum gelaufen, hab mich leicht ablenken lassen.

    Auch heute noch fällt es mir schwer, lange bei einer Sache zu bleiben. Wenn ich zum Beispiel abends einen Film gucke, muss ich mindestens nebenbei noch auf dem Smartphone surfen oder lesen 😀

    Leider bin ich organisatorisch eine absolute Null 😀 trotzdem komme ich zurecht und ich glaube, das verdanke ich auch viel meiner Mum. Wenn ich etwas lerne, lege ich jetzt eben öfters Pausen ein und mache dann etwas ganz anderes. Das hilft mir beim Nachdenken und festigen.

    Wenn etwas nicht wichtig ist, ist es auch nicht schlimm, wenn ich mich ablenken lasse. Ich bin eben so 🙂

    Ich glaube, in der Schule war das bei mir auch nie ein großes Thema. Ich war zwar kein Überflieger, aber trotzdem gut. Da ich den Unterricht nicht gestört habe, war es den Lehrern und meinen Eltern absolut egal, wenn ich nicht immer 100 Prozent aufmerksam war. Die Noten waren ja gut 😀
    Ob das jetzt richtig war (aus pädagogischer Sicht), keine Ahnung, aber so hatte ich auch nie das Gefühl, ein „Problem“ zu sein 🙂

    Also noch mal Danke für deinen Artikel, ich habe viele Parallelen erkannt und doch auch Unterschiede und viele Anregungen. Ein toller Beitrag 🙂

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