Mama, was ist behindert? Diese Frage stellt sich immer wieder einmal, wenn Kinder Kontakt mit Menschen haben, die in irgendeiner Art und Weise eingeschränkt sind. Dazu gab es einen Artikel mit vielen Erklärungsversuchen. Auf diesen Beitrag bekam ich ettliche Fragen, wie man denn konkret damit umgehen soll, wenn man auf jemanden trifft und die Kinder fragen stellen. Nicht jeder traut sich die Menschen anzusprechen.

Wie gehe ich als Eltern damit um, wenn mein Kind, etwas über Behinderung wissen möchte? z.b. wenn wir jemanden in der Stadt sehen. 

Ich kann, nur aus meiner Sicht als Rollstuhlfahrer sprechen. Hier möchte ich euch  18 kleine Tipps mitgeben:

  • Beantworte die Frage deines Kindes (einfach und konkret)
  • Stehe zu deiner Unwissenheit – „Ich weiß es nicht, aber wir können ihn fragen“
  • Traut euch zu fragen!!!!
  • Unterstütze die Neugierde deines Kindes
  • Angst oder Verlegenheit sollten Kinder nicht mit Behinderung in Verbindung bringen, das kannst du einfach vermitteln, indem du selbst einen natürlichen Ungang mit allen Menschen hast.
  • Schimpfe nicht, wenn es auf mich zeigt oder Fragen stellt
  • Lasse deinem Kind Zeit mich anzuschauen. Kein Kind starrt.
  • Wir sind alle unterschiedlich, dies können bereits Kinder wissen
  • Ein schöner Satz ist z.B. Die Welt ist voller Menschen die anders sind – jeder kann etwas anderes – du z.B. malen, dein Bruder tanzen usw. denn gleichzeitig
  • Stell Gemeinsamkeiten heraus – so unterschiedlich wir Menschen sind, es gibt immer auch Gemeinsamkeiten z.B. die Frau ist auch eine Mama, oder das Kind ist so alt wie du oder, …
  • Sieh die Person (im Rollstuhl), nicht nur das Hilfsmittel (Rollstuhl)
  • Achte auf deine Worte
  • Sei dir deiner Vorbildfunktion bewusst und achte auf deine eigene Reaktion – Kinder übernehmen viel – auch Gefühle und Unterbewusstes.
  • Bleibe ruhig und freundlich, dann werden deine Kinder dieses Verhalten als „normal“ ansehen und ebenso handeln.
  • Mache deutlich, dass niemand minderwertiger ist, weil er andres aussieht oder sich anders benimmt und begegene deinem Gegenüber mit Respekt.
  • Schaue dem Rollstuhfahrer in die Augen
  • Es ist für alle ein Gewinn, wenn Kinder die Möglichkeit haben, einen Rollstuhlfahrer ohne Rollstuhl zu sehen. z.B. im Cafe oder auf dem Sofa, oder, oder, oder… das ermöglicht den Kindern den „Menschen“ zu sehen. Bei einer spontaten Begegnung in der Stadt ist dies natürlich schwer umzusetzten, sollte der Kontakt aber von Dauer sein, so ist dies mit Sicherheit möglich.
  • Ein schwerer Schritt für Eltern: Lass dein Kind auf den Rollstuhl sitzen. Mich stört es nicht und Kinder können neue Erfahrungen sammeln. Dadurch verlieren sie Ängste.
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12 Gedanken zu “18 Tipps für Kinder und Eltern

  1. Eigentlich sollten das alles Selbstverständlichkeiten sein und nicht besonders hervorgehoben werden müssen. Leider ist dem nicht so…

    Jeder sollte jeden – gleich welche Behinderung er hat oder nicht hat – vorbehaltlos entgegnen.

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  2. Danke schön, liebe Ju.
    Diese Tipps helfen mir und uns allen.
    Verlegenheit ist momentan bei meiner Großen noch vorhanden, wenn ich jemanden (gemäß Deinen Tipps) direkt anspreche, falls meine Große eine Frage hat – wie ich im vorherigen Artikel schon ausführlich geschrieben habe. Ich denke, je öfter wir die Gelegenheit haben, ins Gespräch zu kommen, umso mehr wird sie die Verlegenheit ablegen. Die Verlegenheit/ Schüchternheit/ Unsicherheit hat nicht so sehr etwas damit zu tun, dass derjenige im Rollstuhl sitzt, sondern weil es einfach jemand Fremdes ist, den wir nun direkt ansprechen. Sie braucht ihre Zeit bei jedem, den sie nicht kennt.

    Ich habe noch eine schöne und gleichzeitig traurige Situation zu berichten:
    Am Sonntag in der Kirche kam eine ältere Frau, die gestützt von einem jüngeren Mann, die gleiche Bank betreten wollte, in der wir auch saßen. Sie griff leicht daneben, ihr Sohn wollte sie noch halten und vor dem Fallen bewahren, schaffte es leider nicht und beide fielen um. Er seufzte ein geschocktes „Maaaama“. Dann stürmten viele helfende Hände zu ihr und halfen ihm, seine Mama wieder auf die Beine zu bekommen. Sie setzte sich hin und rieb sich die Hüfte, bestätigte dann aber, dass alles in Ordnung ist. Der Sohn lächelte und sagte liebevoll“Mama, was machen wir für Sachen? Alles gut gegangen.“
    Die Reaktion meiner Großen überforderte mich viel mehr: Sie klammerte sich seit diesem Sturz an mich, sehr fest, grub ihr Gesicht in meine Schulter und ließ mich nicht los – es dauerte 20 Minuten, bis sie sich langsam wieder lösen und aufschauen konnte. Nichts half: ich versuchte es durch Ablenkung „Schau mal, der Gottesdienst beginnt, der Pfarrer kommt rein“. „Guck mal, dein Gottesdienst-Buch“. „Die Kleine schläft – lass uns mal gucken, ob sie aufwacht“. Dann erklärte ich ihr „Guck mal, die Frau sitzt und sie lächelt und singt mit, es ist alles in Ordnung“ Ich versuchte es (weil ich keine andere Idee mehr hatte) mit „Wenn Du nicht nach vorne schauen möchtest, können wir ja auch gehen“. „Sollen wir gehen?“ „Ich habe keine Lust, dass Du die ganze Zeit auf dem Arm hängst“

    Sie würdigte mich und niemandem sonst eines Blickes. Ich hatte den Eindruck, alle starren mich an. Es fühlte sich schrecklich an, mein vom Sturz geschocktes empathisches Kind auf dem Arm zu halten ohne sonst etwas tun zu können. Und doch tat ich wahrscheinlich das einzig richtige, nämlich sie zu halten und für sie da zu sein. Sie brauchte einfach ihre Zeit, diese Situation ganz ohne Worte zu verarbeiten und ihr Mitgefühl auf diese Art auszudrücken.

    Beim Friedensgruß nickte sie der Frau zumindest zu. Ich gab ihr wie üblich die Hand und auch ihrem Sohn. Die Große lächelte nur verlegen.

    Nach dem Gottesdienst erst sah ich, dass diese Frau einen Rollstuhl hatte, der vorne am Eingang stehen geblieben war. Sie hatte wohl all ihre Kraft zusammengenommen, um sich die paar Schritte bis zur Bank nach vorne zu kämpfen – und fiel zusammen mit ihrem Sohn hin. So eine Mühe von ihr, Riesen Respekt von mir, dass sie die Schritte ging statt sich nach vorne fahren zu lassen und so traurig, dass sie trotzdem oder gerade deswegen stürzte. Während ich das schreibe, steigen mir die Tränen in die Augen.

    Da der Sohn vor uns geparkt hatte, sahen wir noch, wie er sie mit dem Rollstuhl zum Auto fuhr und ihr beim Einsteigen half. Die Große sah es und wurde ganz ruhig. Die Frau kann nicht laufen, sie ist hingefallen. Ich sagte ihr, dass ihr der Rollstuhl hilft, dass sie sich sicher fortbewegen kann, dass sie aber gerade ein paar Schritte gegangen ist und leider hingefallen ist. Sie hat sich aber nicht weh getan und es geht ihr gut.
    Dann war sie sichtlich beruhigt. In dieser Situation habe ich die Frau nicht angesprochen, weil ich gespürt habe, dass es der Großen – und vielleicht auch der Frau – zu viel geworden wäre, nun noch einmal in eine Situation zu kommen, mit der sie nicht umgehen kann. Der Schock saß noch immer tief und ich denke, sie wird sich noch lange daran erinnern.
    Ich bin stolz und froh, dass meine Tochter so empathisch ist und Gefühle der Mitmenschen nachfühlen kann. Das ist eine schöne Eigenschaft, die sie sich beibehalten sollte – auch wenn ich ihr wünsche, dass es sich etwas relativiert und sie so etwas nicht so aus der Bahn wirft, dass sie lange nicht sprechen oder anderweitig reagieren kann.
    Solange sie mich braucht, werde ich für sie da sein und versuchen, ihr die Situation altersgerecht zu erklären und ihr das zu geben, was sie braucht.

    So viel Text nun von mir. Ich denke, die Schilderung der Situation passt hier ganz gut hin. Und die Tipps helfen mir und meiner Tochter, dass wir souveräner und noch besser damit umgehen können.
    Danke Dir.
    Liebe Grüße.

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    1. Liebe Reanate, es gibt immer wieder Situationen die alles von einem abverlangen. Ganz egal ob in deiner Schilderung, die Frau im Rollstuhl, ihr Sohn, deine Tochter oder du. Aber ihr habt alle den für euch richtigen Weg gefunden. Es ist doch ganz egal was andere sagen oder denken. Du warst für deine Tochter da und hast ihr geholfen, damit sie mit ihrer eigenen Art diese Situation verarbeiten kann. Was bitte ist christlicher als Nächstenliebe und deine Tochter in dieser Situation nicht alleine zu lassen und das Programm abzuspulen. Ganz toll !!!

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