„Gäbe es mich, wenn meine Mutter vor 25 Jahren die umfangreichen Untersuchungsmöglichkeiten gehabt hätte?“ Diese Frage stellt sich eine Mama, die seit ihrer Geburt behindert ist .

Eine spannende Frage, die man mit Sicherheit kontrovers diskutieren kann. Ich freue mich, sehr das sich Heike(Name geändert) bereit erklärt hat, hier daürber zu schreiben.

Pränatale Diagnostik. Ich glaube, das Behinderte Menschen die Diagnosemöglichkeiten unter einer anderen Perspektive betrachten können. Behinderte Menschen haben in verschiedenster Ausprägung genau die Merkmale, die mit der Diagnostik herausgefiltert werden können und über die die Mütter dann ganz individuell das Urteil fällen sollen.

Ich sehe dieses Thema auch aus meiner persönlichen Betroffenheit heraus. Ich bin mit einem sehr sehr seltenen Syndrom zur Welt gekommen, einer Fehlbildung deren Ursachen bis heute nicht geklärt sind. Vielleicht wird iregndweann die Ursache oder ein gen gefunden das dafür verantwortlich ist – ich hoffe es nicht.

Zurück zu meiner These; Behinderte Menschen haben einen Grund, Pränatale Diagnostik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Die meisten nichtbehinderten Menschen bekommen in der Begegnung mit behinderten Menschen die Realität ihrer eigenen Ängste vor Augen geführt. Da steht plötzlich vor ihnen etwas fremdes, in dessen Lebensalltag sie sich nicht hineinversetzten können. Aber es erinnert sie an die Möglichkeit des Verlustes. Verlust von Fähigkeiten, Verlust von Beweglichkeit (körperlich oder geistig) Verlust von Entscheidungsfreiheit, Verlust von Leistungsfähigkeit, vermeintlicher Verlust von Lebensqualität. Dies macht Angst, es entwickelt sich ein Bedürfnis nach Abwehr dieser Angst. Einige Frauen und Männer lösen dieses Problem mit dem Satz: „Es gibt schon genug Idioten auf dieser Welt“ und gehen während der Schwangerschaft zur Fruchtwasseruntersuchung und stehen dazu, das Kind zu töten. Andere kommen mit behinderten Menschen in Kontakt und erleben behinderte Menschen als Familienmitglied. Sie erleben aus ihrer Sicht – von Außen sozusagen, was es bedeuten kann, mit Behinderung zu leben. Je nachdem, welches Bild sich in ihnen festsetzt (Leid oder andere Variante des Lebens), werden sie in einer Schwangerschaft versuchen, das Leben so anzunehmen, wie es kommt, sich eventuell auf ein Kind mit Behinderung einstellen oder nach erkennbaren Behinderungen suchen und diese unterstellte Last für sich verhindern wollen.

Menschen, die von Geburt an behindert sind oder es im frühen Lebensalter werden, kennen keine andere Lebensrealität für sich persönlich. Sie haben keine Grund-Angst vor Behinderung, denn sie kennen Möglichkeiten, auch die Probleme im Leben mit Behinderung zu bewältigen. Die meisten kennen die Diskriminierungen, die Zurücksetzung im Spiel mit anderen Kindern, das Gefühl, nicht so zu sein, wie die anderen, eine andere Schule besuchen zu müssen als die Nachbarskinder und meist auch das Bedürfnis, so sein zu wollen, wie die anderen. Dieses Gefühl wird in der Pubertät verstärkt auftreten, da es eine Zeit ist, in der sich jeder Mensch mehr oder weniger intensiv die Frage stellt, wer bin ich und warum bin ich so? Es bedarf eines guten Selbstvertrauens und einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, seine Behinderung anzunehmen. Leichter wird dieser Prozeß, durch die Akzeptanz der Behinderung durch die Eltern. Viele behinderte Menschen erfahren dies Wertschätzung auch erst durch andere behinderte Menschen, denn oft fühlen sie sich (bis zum Eintritt in die Sondereinrichtungen) als einziger schräger Vogel unter vielen schönen bunten Singvögeln. Im Erleben anderer Menschen, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, erfahren sie oft, daß es im Leben nicht nur darauf ankommt, alles zu können.

Geburtsbehinderte Menschen akzeptieren sich meist selbst, wie sie sind, können sich ein anderes Leben nur schwer vorstellen. Meine Behinderung gehört zu mir, sie ist Teil von mir und ohne sie wäre ich ein anderer Mensch mit anderen Erfahrungen und daraus resultierend auch mit anderen Fähigkeiten. Ich möchte aber kein anderer Mensch sein. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, wie es ist, blind oder gehörlos zu sein. Aber ich werte diese Lebensmöglichkeit deshalb nicht ab.

Dies ist m. E. auch der Unterschied zwischen Menschen, die von Geburt an behindert sind und Menschen, die eine Erbkrankheit in sich tragen, deren Auswirkungen sie bei sich selbst noch nicht erlebt haben. Menschen mit einer Erbkrankheit, die spät ausbricht, können sich ihr Leben nur schwer anders vorstellen, wissen aber, das es sich stark verändern wird. Sie haben die Angst vor dem Unbekannten im Nacken. Und es ist nicht nur ein Gedankenspiel sondern Realität. Nur der Zeitpunkt des Beginns ist noch offen.

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus spreche ich Menschen mit anderen Besonderheiten nicht das Lebensrecht ab, nur weil ich mir selbst nicht vorstellen kann, wie sich das Leben dann anfühlt. Ich unterstelle nicht, das andere Lebensformen gleichbedeutend sind mit Leid, welches ich dann verhindern müßte. Ich weiß sehr wohl, das es viele Situationen für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige gibt, die Probleme (Leid) hervorruft. (Aussonderung, Hänselein von Kindern, chronische Schmerzen, und der Spruch:, Das muß doch heute nicht mehr sein, so ein Kind zu bekommen).Zitat aus einem Internet-Forum vom 27.3.2001. Den Gipfel dieser gesellschaftlichen Meinung zeigte mir vor einigen Tagen eine Dame im Bus, in dem auch eine Mutter mit ihrem Sohn (mit Down-Syndrom) fuhr; diese Dame sagte nämlich wörtlich (natürlich erst NACHDEM die Mutter ausgestiegen war…), sie sei zwar gegen Abtreibung, „aber sowas“ müsse doch wohl bei den
heutigen Untersuchungsmöglichkeiten nicht mehr sein und ihrer Meinung nach müssten werdende Mütter sich auf alles untersuchen lassen, und diejenigen, die nach den Untersuchungen den Befund bekämen, ihr Kind würde behindert (mit grosser Wahrscheinlichkeit, mit Sicherheit) zur Welt kommen, unterschreiben, dass sie „die Gesellschaft“ mit den Kosten, die „dabei enstehen“ nicht belastet…..

Mit Problemen meine ich aber die Lebensbedingungen, unter denen wir leben, nicht die körperliche oder intellektuelle Besonderheit, die uns auszeichnet. Ich bin wie viele andere behinderte Menschen der Meinung, das die Bedingungen für ein Leben mit unterschiedlichen Behinderungen/Krankheiten verbessert werden müssen, damit alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Mit der Möglichkeit einzelne behinderte Menschen (PD) zu verhindern, verändern sich jedoch auch die Lebensbedingungen für mich als behinderten Menschen. Mein eigenes Leben ist damit in Frage gestellt. Im Nachdenken über eine Grenze, was für mich persönlich an Behinderung tragbar wäre, stoppe ich immer wieder an der Idee, das andere sich nicht vorstellen könnten, mit meiner Behinderung zu leben. Ich habe kein Recht über den Wert eines anderen Menschen zu entscheiden, deshalb kann ich nicht nach einer Grenze suchen.

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Und die Vorstellung, das es zukünftig viele Menschen mit Besonderheiten nicht mehr geben soll, macht mir Angst. In meinem Freundeskreis gibt es viele Menschen mit Behinderungen auch solchen Behinderungen, deren Träger heute als „mit dem Leben der Mutter nicht zu vereinbaren“ durch Spätabtreibung getötet werden.

Wenn das menschliche Genom entschlüsselt sein wird, werden viele Späterkrankungen auf den Index gesetzt werden. Viele von den heute hier Anwesenden werden dann schon zur Gruppe derer gehören, deren Leben nicht nur im Einzelfall sondern von der gesellschaftlichen Norm in Frage gestellt wird.

Es gab eine starke Kritik der engagierten Behindertenbewegung an Pränataldiagostik, noch bevor die Frauenbewegung bemerkte, das auch aus Sicht der Frauen eine Entwicklung wieder auf die schiefe Bahn geriet. Die geschichtliche Erfahrung mit eugenischen Denken und Handeln läßt behinderte Menschen besonders hellhörig sein und aus ihren Reihen wurde seit den 80-er Jahren immer wieder Kritik an dem Umgang mit Pränataldiagnostik laut. In vielen Gesprächen, Interviews und Artikeln zum Thema habe ich Zitate gefunden, die mir meine Vermutung bestätigen, das behinderte Menschen mit den Möglichkeiten der PD kritischer umgehen. Auch Menschen, die selbst oder deren Kinder den Ausbruch der Erbkrankheit noch vor sich haben, sind froh, das es diese Untersuchungsmöglichkeiten und damit die Möglichkeit der Selektion zur Zeit ihrer Geburt bzw. Schwnagerschaft noch nicht gab.(Beispiele und Filmbeitrag aus „Die neuen Wahrsager“, 1992, ZDF)

Nun habe ich in meinen Ausführungen viel von meinen eigenen Gedanken berichtet. Was berechtigt mich dazu, es für behinderte Menschen zu verallgemeinern. Auch behinderte Menschen sind Individuen und lassen sich nicht vorschreiben, was sie zum Thema PD denken. Zitat aus „Krüppel, Babies und Barrieren – Zur Situation behinderter Eltern in der Bundesrepublik“, bifos e.V., 1998: „Genetische Beratung und pränatale Diagnostik sind nicht immer nur selektiv, sondern können auch positive Seiten haben, die wir für uns nutzen können. So kann die genetische Beratung beispielsweise häufig darüber aufklären, ob eine Behinderung erblich ist. Manche Paare wünschen sich diese Informationen, um sich psychisch auf diese Situation einstellen zu können, wie z.B. meine InterviewpartnerInnen Gerd und Brigitte. Sie nahmen den Service der genetischen Beratung während der ersten Schwangerschaft in Anspruch und erfuhren, daß Gerd´s Sehbehinderung vererbt werden kann, Brigittes jedoch nicht. ….- eine Abtreibung wäre für beide nicht in Frage gekommen, da ein behindertes Kind für beide keine schreckliche Vorstellung war. Für Ilka war die Information, ob ihr Kind behindert sein würde, sogar lebensnotwendig. Während der Schwangerschaft nahm sie alle angeboten Vorsorgeuntersuchungen wahr, um über eine mögliche Glasknochenkrnakheit des werdenden Kindes frühzeitig Bescheid zu wissen, und ihre Entbindung dementsprechend zu planen.“ … „Ilkas erste Reaktion auf die Diagnose war, daß sie lieber ein nichtbehindertes Kind bekommen hätte, weil dann das Leben einfacher gewesen wäre. Da beide Eltern jedoch von Anfang an vom `Vererbungsrisiko´ wußten, und die Entscheidung für ein Kind generell getroffen war, gewöhnten sie sich schnell an den Gedanken“…“Allerdings würde sie sich im Nachhinein klarer abgrenzen und nicht mehr alle der Folgeuntersuchungen durchführen lassen, da sehr viele Fehldiagnosen und Prognosen, wie z.B. ein schwerer Herzfehler, gestellt wurden, diese traten glücklicherweise nicht ein, waren psychisch aber extrem belastend.“

Ich selbst habe in meinen 4 Schwangerschaften keine invasiven Untersuchungen und kaum Ultraschalluntersuchungen (weniger als nach Vorsorgerichtlinien empfohlen) machen lassen. Wie schwierig es ist, sein Recht auf Nichtwissen, in den gynäkologischen Praxen durchzusetzen, habe ich mehrfach und in verschiedenen Praxen erleben müssen. Die Routine siegt immer wieder über den individuellen Umgang mit der schwangeren Frau, dieser aber in der Schwangerschaft besonders wichtig ist. Die viel beschworene Freiwilligkeit bei Pränataldiagostik stelle ich aus eigener Erfahrung stark in Frage.

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17 Gedanken zu “Eltern mit Behinderungen: pränatale Diagnostik

  1. Danke für diesen Beitrag. Als Mensch mit einem seltenen genetischen Syndrom und Autismus sehe ich pränatale Diagnostik auch sehr kritisch. Die Mehrheit der ungeborenen Kinder mit meinem Syndrom werden vor der Geburt abgetrieben. Hier mangelt es an Aufklärung über potentielle Risiken, aber auch über Behandlungsmöglichkeiten und Stärken. Genetische Diagnostik nach der Geburt sehe ich dagegen als sinnvoll an, wenn es klinisch signifikante Hinweise gibt. Eine Verhinderungsdiagnostik ist dann nicht mehr möglich. Ich fürchte aber, dass wir damit leben müssen, dass pränatale Diagnostik eingesetzt wird. Also hängt alles am Punkt Aufklärung, aber auch am Gesellschaftsbild. In einer Zeit mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und zunehmenden behindertenfeindlichen Äußerungen (von der Bundespolitik ganz zu schweigen) ist es natürlich noch schwieriger zu verdeutlichen, dass jeder Mensch lebenswert ist, ob mit oder ohne Behinderung.

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  2. Hallo!
    Danke für diesen Post. Ich habe noch keine Kinder und bin sehr froh, dass ich niemals die Entscheidung über eine Abtreibung treffen musste, weil der „falsche Zeitpunkt“ war oder nicht der „richtige Mann“ an meiner Seite. Pränatal Diagnostik betrachte ich trotz der Tatsache, dass ich Biologin bin, mit Bauchschmerzen. Für mich gibt es allerdings einen anderen Fokus als für dich: die sehr hohen falsch positiven Ergebnisse der Untersuchung erschrecken mich! Wie vielen Kinder werden deshalb abgetrieben?
    Mein persönlicher Weg mit dem ganzen? Keine Nackenfaltenmessung, keine Fruchtwasseruntersuchung. Werde ich bin Ende 30 kein Kind bekommen, werde ich direkt die Blutuntersuchung machen und es wissen. Und dann in Ruhe entscheiden.
    Liebe Grüße,
    Larissa

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  3. Ich bin absoluter Gegner der gängigen „Baby-nach-Wunsch-Praxis“, die allerorts so gesellschaftsfähig und akzeptiert ist. Da wird beim Kaffeetrinken von gewollt Schwangeren ungeniert erzählt: „also, ein behindertes Kind, nein, das könnte ich nicht. Ich lass eine Fruchtwasseruntersuchung machen, sollte das Ergebnis nicht wie gewünscht sein, lasse ich abtreiben“. Mir wird regelrecht schlecht bei diesen – es tut mir leid, ich muss es so krass sagen – vorgeburtlichen Nazigedankengängen. Baby ja, aber bitte so wie ich es möchte. Die letzten in unserer jüngeren Geschichte, die sich das Recht heraus genommen haben, darüber zu befinden, ob ein Mensch lebenswert ist oder nicht, waren nun mal leider die Nazis… deswegen hinkt dieser Vergleich keinesfalls… und unsere Gesellschaft stellt sich mit der heutigen Praxis damit auf die gleiche Stufe.
    Ich frag mich immer: „können“ diese Damen auch nicht, wenn ihr bereits geborenes Kind krank wird?
    Und ist es als Gesellschaft nicht unsere Pflicht, diese besonderen Kinder auch finanziell mitzutragen? Das ist mir tausendmal und abertausendmal lieber, als „gesunde“ Kriminelle, Mörder, Kinderschänder, Totschläger, Vergewaltiger etc. durchzufüttern… und gegen diese gibt es ja leider keine Pränataldiagnostik… nur, und nur hier (!) würde sie für mich Sinn machen.

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  4. Ein so wunderbarer und wichtiger Beitrag, dass ich ihn einfach teilen musste! Ich hoffe, dass möglichst viele diesen Text lesen werden und danach kritischer sind im Umgang mit der mittlerweile immer differenzierteren Pränataldiagnostik, der man sich kaum noch entziehen kann. Ich hoffe wirklich, dass dieser Text zum Nachdenken anregt.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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  5. ich wurde bei meiner letzten Schwangerschaft (Alter 39) stark bedrängt mehr Untersuchungen zu machen. Wir hingegen wollten keine Fruchtwasseruntersuchung und auch keinen Bluttest für Trisomie 21, da es für uns klar war wir würden nehmen was man uns schenkt – auch mit Behinderung! Die Äusserungen meiner Frauenärztin übten einen starken Druck aus und hätte ich keinen so guten Boden gehabt hätte ich vielleicht nachgegeben. Auch für mich ist die sehr hohe Rate der Fehldiagnosen schlimm und auch, dass so vielen Frauen richtig Angst eingejagt wird. Das darf nicht sein!

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      1. wichtig war für mich auch, dass ich wusste mein Mann steht 100% dahinter! Wir haben über die Möglichkeit ein behindertes Kind zu bekommen gesprochen, bevor ich überhaupt schwanger war mit unserer 1. Tochter. Einfach weil wir uns bewusst sind, dass Krankheit und Behinderung ein Teil des Lebens sind und wir das nicht ausklammern können – so schön es manchmal wäre.

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  6. Ein interessanter Artikel. Danke dafür!
    Allerdings glaube ich nicht, dass man pauschal sagen kann, dass Nicht-Behinderte ganz anders über Behindeungen denken, als Behinderte. Eine sehr gute Freundin von mir studiert Sonderpädagogik und hat auch schon in einigen Behindertenwerkstätten, Wohnheimen und Schulen gearbeitet. Ich finde, sie macht da einfach einen großartigen Job und geht auf alle Menschen zu. Ich versuche immer, sie mir als Vorbild zu nehmen^^ ich selbst tue mich im Umgang mit Fremden immer etwas schwer, daher auch grade mit kranken oder behinderten Menschen, da ich dann noch verunsicherter bin. Aber das kann man ja lernen und an sich selbst arbeiten.
    Lange Rede, kurzer Sinn: ich würde einem Behinderten nie sein Lebensrecht absprechen. Ich bin zwar nicht schwanger und wenn ich es wäre, würde ich (glaube ich zumindest jetzt) nicht alle Untersuchungen machen lassen. Ob ich mit einem behinderten Kind klar kommen würde? Keine Ahnung. Würde ich es versuchen wollen? Ja. Trotzdem empfinde ich das Thema als zu komplex, um andere Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, zu verurteilen. Würden diese das Kind bekommen und würden es nicht lieben (etc) wäre das ja auch nicht richtig. Es ist einfach eine sehr persönliche Entscheidung und ich selbst möchte diese keinem annehmen oder für seinen Weg verurteilen.
    Ich finde einfach, dass das auch sehr wichtig ist…

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    1. Hallo. Ich freue mich immer sehr über deine Kommentare und deine Ansichten. Ich finde diese machen den Blog hier lebendig. Du hast natürlich recht mit deinen Gedanken. Manchmal ist es auch nur ein kleiner Schritt. Aber sich in behinderte Menschen hinenzuversetzen und selbst behindert zu sein, ist dennoch nochmal ein Unterschied. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich war früher ja ganz gesund und hatte viel Kontakt zu Menschen mit Behinderungen. Eine Entscheidung absprechen möchte ich ebenfalls niemandem. Jeder muss das für sich entscheiden. Liebe Grüße

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  7. Man kann kaum bestreiten, dass Behinderungen die Lebensqualität eines Menschen deutlich einschränken und deshalb nach Möglichkeit verhindert werden sollten. Wäre es anders, dann gäbe es keinen Grund, in der Schwangerschaft auf Alkohol und Contergan zu verzichten, Folsäure zu nehmen, und das Kind nach der Geburt gegen Kinderlähmung impfen zu lassen. Jede dieser Maßnahmen hat den Zweck, Behinderungen zu vermeiden, und bringt damit unsere Überzeugung zum Ausdruck, dass ein Leben ohne Behinderung der Idealzustand ist.

    Diskutieren lässt sich nur darüber, welche Maßnahmen zur Vermeidung von Behinderungen moralisch vertretbar sind. Impfungen und der bewusste Verzicht auf Alkohol wird niemand als verwerflich bezeichnen, und ich glaube nicht, dass Thomas Quasthoff sich durch die Tatsache gekränkt fühlt, dass schwangere Frauen seit Jahrzehnten kein Contergan mehr schlucken; auch wenn das bedeutet, dass nie wieder ein Mensch mit seiner Behinderung geboren wird. Und wäre das Downsyndrom nicht durch eine Chromosomenstörung, sondern durch die Einnahme eines Medikaments bedingt, dann würden in Zukunft fast alle schwangeren Frauen auf dieses Medikament verzichten und das Downsyndrom würde nach einigen Jahrzehnten verschwinden. Und auch das wäre keine Diskriminierung der Menschen, die noch mit dem Downsyndrom geboren wurden.

    Sinnvoll streiten kann man also nur über Abtreibung als Mittel der Prävention. Und hier sehe ich zumindest in den ersten Monaten der Schwangerschaft kein moralisches Problem. Denn in diesem Zeitraum hat der Embryo/Fötus kein Bewusstsein und ist daher kein sinnvoller Gegenstand moralischer Rücksichtnahme. Eine empfindungslose Zellformation abzutreiben und durch eine andere zu ersetzen, ist legitim, da hierbei kein Leid entsteht und keine Interessen verletzt werden. Übrigens kann man das Downsyndrom heute schon in der 10. Woche feststellen.

    „Mit der Möglichkeit einzelne behinderte Menschen (PD) zu verhindern, verändern sich jedoch auch die Lebensbedingungen für mich als behinderten Menschen. Mein eigenes Leben ist damit in Frage gestellt.“

    Warum sollte das der Fall sein? Ein Embryo hat kein Recht auf Leben; ein geborener Mensch dagegen schon. Man kann zwar argumentieren „Hätten meine Eltern abgetrieben, dann würde ich heute nicht existieren“. Aber erstens gilt das für jede Abtreibung, nicht nur für solche, die durch eine Pränataluntersuchung motiviert werden. Zweitens würde ich heute auch nicht existieren, wenn meine Eltern in einer bestimmten Nacht ein Kondom benutzt hätten. Woraus offenbar nicht folgt, dass der Gebrauch von Kondomen unmoralisch ist.

    Ich habe übrigens nicht den Eindruck, dass jeder behinderte Mensch seine Behinderung dankbar „annimmt“ und die Verbindung von Behinderung und Leid nur von ignoranten Außenstehenden hergestellt wird. Vor einigen Jahren gab es einen Fall in Belgien: Ein Zwillingspaar, das gehörlos geboren wurde, war jetzt auch noch dabei, zu erblinden und hatte ein Leben in absoluter Stille und Finsternis vor sich. Die beiden Brüder beendeten ihr Leben mit Sterbehilfe. Hier frage ich mich schon: Ist es moralisch vertretbar, wenn Eltern den verantwortlichen Gen-Defekt (Usher-Syndrom) bewusst an ihre Kinder weitergeben? Haben Eltern wirklich das Recht, ihre Kinder zu einem solchen Leben und dem damit eventuell verbundenen Leid zu verurteilen? Ist es wirklich „Ableismus“, wenn man sagt, dass ein Leben ohne Usher-Syndrom wünschenswerter ist als ein Leben, das irgendwann auf Taubblindheit hinausläuft?

    Übrigens: Hier ein sehr interessanter Podcast zu der Thematik. Mit unterschiedlichen Positionen und einem Interview mit einer Betroffenen:

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  8. Lieber Friedrich, Verhütung (zB Kondom) und Abtreibung in Vergleich zu ziehen ist wirr. Leider mag ich deinen Kommentar überhaupt nicht und werde mir das Video nie anschauen. Aber Menschen wie du zeigen, wie wichtig das Thema und die Aufklärung dazu nötig sind.

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    1. Liebe Anja,

      Zwischen Verhütung und Abtreibung gibt es natürlich Unterschiede. Aber es gibt auch eine Gemeinsamkeit. In beiden Fällen gilt: Hätten meine Eltern das damals gemacht, dann würde ich heute nicht existieren. Das Argument „X ist unmoralisch, denn wenn meine Eltern X benutzt hätten, dann würde ich heute nicht leben“ ist also ungültig. Denn für X kann man auch Verhütung einsetzen.

      Es macht eben einen Unterschied, ob man das Existenzrecht einer bereits vorhandenen Person in Frage stellt, oder ob man die zukünftige Entstehung einer Person verhindert. Und wenn man voraussetzt, was ich voraussetze, nämlich dass ein Embryo keine menschliche Person ist, dann ist sowohl Verhütung als auch Abtreibung ein Fall von „Entstehung einer (noch nicht existierenden) Person verhindern“.

      Dass dir mein Beitrag nicht gefällt, finde ich schade. Aber ich denke, bei diesem komplexen Thema ist Meinungsvielfalt ein Vorteil 😉

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      1. Wenn für dich ein befruchtetes „Etwas“ bzw. ein Embryo keine menschliche Person ist, dann hast du leider noch nie ein Ultraschallbild zu Gesicht bekommen. Und wenn du nun mal deine Meinung dazu hast kann ich dich nicht umstimmen. Verlang das aber bitte auch nicht von anderen. Lebe wohl.

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