Vor ein paar Wochen hat Bella von Familieberlin nach Gastbeiträgen für ihre Wochenbettzeit angefragt. Ich mag Bella sehr und ich finde nichts wichtiger als Ruhe im Wochenbett zu haben. So habe ich ihr einen Beitrag versprochen. Eigentlich wollte ich etwas zum Thema „Hilfe und Unterstüzung im Wochenbett“ schreiben. Der Beitrag verselbständigte sich dann aber, es war vielmehr ein Bericht meiner Wochenbettzeit. Einer sehr emotionalen Zeit nach der (Früh-) Geburt meines kleinen Mannes. Und ein Verarbeiten der Behindernisse in dieser Zeit, von der es viel zu viele gab.

Junior wurde gerade 3 Jahre alt und ich finde dies einen schönen Anlass, Euch im Rahmen der Blogreihe den Beitrag zu veröffentlichen.

 

Hilfe im Wochenbett

Als mich Bella gefragt hat, ob ich einen Gastartikel für die Wochenbettzeit schreiben würde, habe ich mich total gefreut. Leider hatte ich das Gefühl,dass mir gar kein Thema einfällt, welches gut passen würde. Gut ganz klassisch wäre ein geeigneter Beitrag vielleicht gewesen, wie die Wochenbettzeit als Mama im Rollstuhl war. Leider kann ich dazu nicht allzu viel beitragen, denn die ersten Wochen von meinem Sohn und mir, waren geprägt von Krankenhausaufenthalten. Zunächst lag er auf der Kinderintensivstation und ich auf der Wöchnerinnenstation.

Eine Neantologie ist nicht barrierefrei

Nach einer Woche wurde Junior auf die Neantologie verlegt und sein Papa durfte bei ihm bleiben. Meine Kaiserschnittnarbe hatte sich entzündet und ich müsste ebenfalls noch im Krankenhaus bleiben. Nach 10 Tagen stand dann meine Entlassung an. Ich konnte nicht bei meinem Kind bleiben, da die Station auf der er lag, nicht barrierefrei war bzw. ist. Das bedeutete, dass ich nach Hause gehen musste und meinen 10 Tage alten Sohn mit seinem Papa in der 30 km weit entfernten Klinik zurücklassen musste. An Überwachungsmonitoren und Schläuchen.

25. Juli 13 (12)

Ich war in der Zwischenzeit seit vielen Wochen nicht mehr zu Hause, wieso genau könnt ihr gerne hier nachlesen.

Alles war fremd komisch und ich fühlte mich unendlich einsam.

Und jetzt kommt das eigentliche Thema: Hilfe im Wochenbett.

Ich hatte ein Netz, das mich auffing. Meine Eltern, Großeltern, die Patentante meines Kindes, Freunde und die gesamte Großfamilie. Meine Hebamme kam vorbei, kümmerte sich um mich. Mein Mann und ich standen im ständigen Whats App Kontakt, er schickte mir Bilder, während ich nachts zu Hause saß und Milch abpumpte. Meine Schwester schlief bei mir und versorgte mich, wimmelte Besucher ab. Da ich selbst nicht mobil bin, wurden Fahrtdienste in die Klinik erstellt. Wer bringt mich morgens zu meinen Männern, wer holt mich abends ab?

Wer transportiert die abgepumpte Milch in der Kühltasche in die Klinik, wenn ich selbst nicht gleich mitfahren konnte?

Ich war körperlich sehr angeschlagen und seelisch stellte diese Zeit eine wahre Zerreißprobe für mich dar. Wenn ich abends nach Hause kam, stand da ein Essen für mich. Meine Mama hatte für mich gekocht und es mir gebracht. Oder eine Freundin stellte einen Kuchen vor die Tür. Ohne dies hätte ich wahrscheinlich gar nichts mehr gegessen. Im Krankenhaus bekam ich nichts, denn ich war kein Patient mehr. Da wir während der Schwangerschaft in ein neues Klinikgebäude umgezogen sind, gab es hier auch keine Cafeteria oder ähnliches. Ich hatte das Gefühl überall und nirgendwo zu sein. Dabei wusste ich ganz genau wo ich sein wollte. Bei meinem Kind. Und sonst nirgends. Es gibt ganz in der Nähe ein Elternhaus, indem Eltern von Kindern auf der Frühchenintensivstation gemeinsam Wohnungen haben. Für mich kam das leider nicht in Frage. An Eltern mit Behinderungen ist hier nicht gedacht. Ich hatte keine Wahl.

Und dann bekam ich Hilfe angeboten. Das Team der Frühen Hilfen wollte uns unterstützen. Leider war dies, bei uns!, ein Griff in den Klo. Denn ich hatte für diese Form der Hilfe überhaupt keine freie Kapazitäten in meinem Kopf. Ich wollte keine Tipps oder Ratschläge. Ich wollte bei meinem Kind sein. Ich wollte nicht erklären müssen, warum wir nun dies oder das taten.

Was als Entlastung gedacht war, wurde für mich zur Belastung.

Es wurden Termine vereinbart, die ich absagen musste, da Arztgespräche in der Klinik anstanden. Diese Zeit war nicht nur sehr, sehr nervenaufreibend und kräftezehrend für mich, sie war auch für so viele Beteiligten eine logistische Meisterleistung.

Weil ich mehrmals Termine abgesagt hatte und ich auch laut kundtat, dass diese Form der angebotenen Hilfe, für mich zum aktuellen Zeitpunkt nicht zielführend sei und ich sie deswegen nicht mehr möchte, dann kam der nächste Schlag. Das Jugendamt.

Die frühen Hilfen sind ein Teil des Jugendamtes. Sie wurden von der Schwangerschaftsberatung, an die ich mich auf Grund der Behinderung gewandt hatte, bereits im Vorfeld eingeschaltet. Damit waren wir aber eine Aktennummer. Aktenfälle muss man bearbeiten. Aktenfälle können auch von sich aus, nicht einfach eine Hilfeleistung abbrechen, denn damit kann eine potenzielle Gefahr für das Kind entstehen. Soweit so ok…

Bei uns war dies eben der Fall und mir wurde Kindeswohlgefährdung vorgeworfen, wenn ich mit den Frühen Hilfen nicht weiter offen zusammenarbeiten würde. Mit meiner Offenheit war zu diesem Zeitpunkt schon lange vorbei, denn wenn ich spüren muss, dass mein Gegenüber mir weder zuhört, noch versucht mich zu verstehen, dann mache ich leider irgendwann dicht.

Die Situation entspannte sich, als das Jugendamt bei meiner Hebamme anrief und von ihr Auskunft wollte. Unsere Hebamme ist ein Engel und noch dazu einer, der sehr viel Anteil an unserer Situation nahm (sie fuhr auch einen Tag mit mir in die Klinik und Junior zu sehen) und sich ihrer Schweigepflicht bewusst war. Sie erklärte den Damen, dass sie voll und ganz hinter uns steht und ihre ständigen Kontrollen alles andere als förderlich seien und noch so einiges mehr. Unsere Hebamme war es auch, die uns nach der Entlassung eine Familienhelferin für ein paar Wochen eine besorgte, die uns wirklich entlastet hat.

Das liest sich nun alles sehr negativ und belastend. Eigentlich wollte ich einen Text zum Thema Hilfen im Wochenbett schreiben. Aber es wurde einfach dieser Text. Wahrscheinlich weil er raus wollte. Und weil ich Euch alle ermutigen möchte,

baut Euch ein für Euch geeignetes Hilfenetz auf.

Wenn ich heute von Frauen im Wochenbett lese, denke ich immer an diese Zeit zurück. Und ich denke immer wieder daran, wie sehr mir in dieser Zeit einfach Ruhe gefehlt hat. Genau das ist es, was ich allen Familien kurz nach der Geburt wünsche Ruhe!

Und hilfreiche Hilfe wie:

  • ein leckeres Essen
  • den Einkauf nach Hause bringen lassen
  • jemand der das große Kind etwas beschäftigt oder mit ihm auf den Spielplatz geht
  • wenn Bekannte und Familie nicht sauer sind, wenn man nicht ans Telefon geht
  • Putzdienst
  • …..
  • einfach alles, was angenehm ist und niemanden stresst.

All das wünsche ich dir, liebe Bella und deiner Familie, von Herzen.

Gebt gut auf euch acht.

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5 Gedanken zu “Eltern mit Behinderungen: Wochenbett oder ohne Hilfe geht es nicht

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